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Versammlung der Betrogenen. Ein Plädoyer für die Intuition

© chuyu/ istock
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Versammlung der Betrogenen. Ein Plädoyer für die Intuition

Über Geld spricht man nicht. Oder doch? Warum eigentlich nicht? Ich möchte zumindest darüber schreiben. In Deutschland kam es in diesem Jahr zu einem der größten Anlageskandale: 54.000 Anlegerinnen und Anleger haben 3,5 Milliarden Euro verloren. Weil sie in Container investiert haben, die zum Großteil nicht existierten. Ich bin eine dieser 54.000 Betrogenen.

 

Als ich vor vier Jahren etwas Geld übrig hatte, dachte ich als Freischaffende in der Kulturbranche, dass ich mich um meine Rentenvorsorge kümmern sollte. Also ließ ich mich von einer scheinbar unabhängigen – auf Frauen und unorthodoxe Lebensläufe spezialisierten – Finanzdienstleistungsfirma beraten. Dort empfahl man mir, das Geld – anders als geplant – in Container zu investieren. Das empfohlene Unternehmen, das sich auf diesen Containerhandel spezialisiert hatte, sei sehr stabil. Der Beweis: Selbst die Finanzkrise von 2008 habe es gut überstanden. Aber genau diese Behauptung war ein großer Irrtum. Das Unternehmen hatte die Finanzkrise nämlich überhaupt nicht gut überstanden, sondern war 2009 im Grunde schon insolvent. Doch statt Insolvenz anzumelden, hatte sich das Unternehmen damals dazu entschieden, aktiv in ein extremes Marketing zur Neukunden-Akquise zu investieren. Die neuen Kunden würden unwissentlich – anstatt tatsächlich neue Container zu kaufen – den bisherigen Kunden lediglich die garantierten Mieteinnahmen zahlen. Und so die Insolvenz kaschieren. Verschleppen. Ein Schnellball-System. Betrug. Als ich 2013 einstieg, boomte der Neukunden-Zuwachs. Ich war eine unter sehr vielen Menschen, die auf das überzeugende Marketing, auf die absolute Mogel-Packung hereinfiel. 

 

Jedoch – und das ist eben das Spannende: Ich hatte bei Vertragsabschluß eine seltsame Ahnung. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich mit unterschriebenem Vertrag und mulmigem Bauchgefühl am Briefkasten stand. Damals sagte ich mir innerlich ganz bewusst: Wenn ich in fünf Jahren – denn über diesen Zeitraum sollte der Vertrag laufen – nicht mein Geld zurück bekomme, dann werde ich nur noch meiner Intuition vertrauen. Ein Versprechen an mich selbst. Dann warf ich den Umschlag ein und überwies dem Unternehmen eine beträchtliche Summe für den scheinbaren Kauf von Containern. Von nun an sollte ich vierteljährlich meine „Mieteinnahmen“ bekommen. Zum Ende der Vertragslaufzeit hätte die Firma dann die Container zu einem guten Preis zurück gekauft – alles in allem wäre ein schöner Gewinn dabei herausgekommen.

 

 

Vier Jahre lang ging alles gut. Doch ein Jahr, bevor meine Container-Vertragslaufzeit abgelaufen wäre, fuhr das Betrüger-Unternehmen endgültig gegen die Wand. Keine weiteren Mieteinnahmen mehr. Kein Rückkauf der Container. Stattdessen nun eventuell Forderungen über Rückzahlungen der bereits geleisteten Mietzahlungen. Totaler Verlust des investierten Geldes also. Statt des angepriesenen „schwimmenden Festgeldes“ hatten wir Luftcontainer gekauft.

 

Letzte Woche fand die Versammlung der Betrogenen statt – offiziell hieß das „Gläubigerversammlung“. Hier wurden wir in der großen Olympiahalle in mehreren Veranstaltungen vom Insolvenzverwalter über Hintergründe und weiteres Vorgehen informiert. Schon auf dem Weg dahin sehe ich andere Verlierer frühmorgens durch den Park in Richtung Olympiahalle gehen. Vor allem ältere Leute. Rentner. Einen praktischen Wanderrucksack auf dem Rücken, die Einladung in der Hand. So sehen sie also aus, die Verlierer, denke ich mir. Ich schließe von der Kleidung auf Menschen, die nicht unbedingt wohlhabend sind. Aber natürlich kann ich mich täuschen.

 

Direkt vor dem Eingang entdecke ich einen Stand, der mir auf Anhieb sympathisch ist: Bürgerbewegung Finanzwende. Das Ziel dieser parteienübergreifenden Bürgerbewegung: Die Finanzwirtschaft soll den Menschen dienen. Sie sind also nicht gegen etwas, sondern für etwas. Das gefällt mir. Der positive Eindruck verstärkt sich, als ich später zuhause über den Verein recherchiere. Es sind Menschen, die sich für eine Wende im anonymen Kapitalismus einsetzen. Darunter sogar auch der ehemalige CDU-Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung Norbert Blüm.

 

Im Eingangsbereich der Olympiahalle habe ich auf einmal das Gefühl, am brisantesten Ort der ganzen Stadt zu sein – so viele Polizisten auf einmal habe ich selten in München gesehen. Strenge Sicherheitsschleusen wie am Flughafen. Noch unter Einfluss meiner morgendlicher Fantasie male ich mir aus, dass die Veranstalter vielleicht von einem Bombenattentat ausgehen. Klar: ein Anschlag wider den Kapitalismus. Und die Kapitalisten. Zu denen wir ja gehören. Schließlich haben wir unser Geld investiert, um aus unserem Geld noch mehr Geld zu machen. Ohne Arbeit. Tja. Die Gier. Und die Angst vor der Altersarmut. Doch mit unserem Verlust haben wir jetzt gelernt, dass das alles eben nicht so einfach ist. Und dass das Spiel mit dem Geld eben eines ist, das keiner mehr durchschaut. Ein Spiel, das auch die Vermittlungsagenturen nicht mehr verstehen – trotz ihres Expertenstatus. Sogar nicht einmal – und das ist das eigentlich wirklich Tragische – unsere staatliche Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die Bundesanstalt für Dienstleistungsaufsicht (kurz BaFin), konnte diesen Betrug anscheinend aufdecken.

 

Nach Passieren der Sicherheitskontrollen lacht uns Betrogenen direkt ein Getränkestand an: frühmorgens gibt es dort Hugo oder Spritz. Alkohol. Bitte gleich weiter konsumieren, um den Schmerz zu betäuben. Mache ich aber nicht. Ich will mich nicht einlullen lassen. Ich möchte glasklar sein und mir das Spiel genau anschauen. Ein Ziel, was sich als schwierig erweisen wird, denn die folgende Inszenierung raubt mir alle Energie. Saugt mich komplett aus.

 

 

Eine Frau vor mir war klüger als ich: sie hat ihr Buch dabei und liest. Ich beschäftige mich stattdessen mit meiner Umgebung. Blicke mich um und zähle die fast vollen Stuhlreihen. Insgesamt mindestens 1.140 Plätze. Sehr gut besucht. Später wird eine noch höhere Besucherzahl veröffentlicht: 2.500 Personen pro Versammlung. Vielleicht habe ich mich beim Zählen verrechnet, vielleicht aber ist auch diese Zahl wieder eine Lüge. Vor mir sitzen fast nur weißhaarige Menschen. Die Gläubiger. Alle miteinander verbunden durch den Glauben an falsche Versprechungen. Die Anwälte in der Arena sind eindeutig an ihren Uniformen zu erkennen – sie tragen Anzüge. Manche der Betrogenen haben sich für diese Versammlung sogar schick gemacht. So sehen sie also aus, die Betrogenen. Wir Betrogenen.

Dann – es ist Punkt 9 Uhr – treten sie alle auf: Die Performer. Wie schwarze Flamingos in einer Reihe. Fast habe ich den Impuls zu klatschen – wie beim Auftritt des Orchesters zum Konzert. Es wird gestimmt – der Richter eröffnet die Vorstellung. Und von nun an spüre ich, wie meine Energie gezogen wird. Der Insolvenzverwalter beherrscht seine Rolle. Sehr professionell. Aber auch manipulativ. Er baut zunächst eine Nähe zu uns auf, gibt sich als Freund. Und Retter in der Notlage. Vertraulich verrät er uns, dass dieser Fall für ihn – trotz seiner großen zwanzigjährigen Berufserfahrung als Insolvenzverwalter – eine ganz besondere Herausforderung ist: Weil es hier nicht um Großkonzerne geht, die auf einen wirtschaftlichen Verlust kaufmännisch reagieren, sondern weil wir viele einzelne Gläubiger – also richtige Menschen – sind, die sehr viel emotionaler mit solch einem Verlust umgehen: Schließlich sollte das unsere Rentenvorsorge sein oder Geld, das wir zum Leben bräuchten. Dann lobt er uns, indem er uns beglückwünscht – dazu, dass wir so pragmatisch mit dieser Situation umgingen. Haben wir denn eine andere Wahl? Das Geld ist schließlich sowieso schon weg. Eine Frau versucht es. Sie kämpft, stellt unangenehme Fragen. Ist Anwältin ohne Uniform, in schlabberigen Klamotten. Sie kämpft gegen die Stimmverteilung, lässt sich später zum Gläubigerausschuss aufstellen und behauptet dann, – als einzige unter über Tausend Personen in der Halle – keine Stimmkarten bekommen zu haben. Es nutzt alles nichts. Ein Kampf gegen Windmühlen.

 

Die ganze Veranstaltung wirkt wie eine Farce. Uns wird das Gefühl vermittelt, dass wir noch etwas beeinflussen oder entscheiden können, doch letztendlich ist jede Veränderung – wie das Beispiel dieser vergeblich kämpfenden Frau uns schillernd vorführt – unerwünscht. Dabei macht der Richter daraus sogar noch weniger einen Hehl als der Insolvenzverwalter, indem er „aus Versehen“ laut durchs Mikro über die unbequeme Frau stöhnt, Probleme beim Lesen ihres ach-so-seltsamen Namens hat. Diese Frau war irgendwie mutig, hat sich – vielleicht – ganz bewusst vorführen lassen. Hat sich irgendwie geopfert. Vielleicht, damit wir verstehen, dass wir in einem nicht-steuerbaren Schiff sitzen. Das wäre ein kluger Coup. Die Reaktionen des kleinen, dicken, glatzköpfigen Insolvenzverwalters auf die Provokateurin sprechen Bände. Sprachlich zwar ungemein höflich und respektvoll, drückt sein Körper jedoch das komplette Gegenteil aus: Besitzergreifend und machohaft lehnt er sich an die Stuhllehne der Protokollführerin: „Mein Revier.“ Und umringt sich mit seinen Mitarbeitern – zu fünft stehen sie nun gegen die Störerin. Zwischen ihnen die lange Tischreihe als unüberwindbare Mauer. Klarer hätte der Insolvenzverwalter, unser Freund und Retter, nicht ausdrücken können, dass das hier sein Spiel ist und jeder Versuch einer Intervention unerwünscht ist.

 

„Container sind das Sinnbild für den Welthandel,“ resümierte der Insolvenzverwalter am Ende treffend. Ich finde, das sollte man wörtlich nehmen. Unsere Container waren leere Luft. Vielleicht ist auch der Welthandel leere Luft. Nichts dahinter. Wir alle Betrogene.

 

Betrogene. Ja, wir sind Betrogene. Definitiv. Aber ich habe doch zumindest eine Erkenntnis gewonnen: „Alles, was wirklich zählt, ist Intuition!“ sagte Albert Einstein. Und er hat ja so recht. Die Intuition - unser innerer Wegweiser, das innere Wissen. Das ist unser eigentlicher wunderbarer Reichtum. Da hinein gilt es zu investieren. Hier gilt es zu vertrauen.

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