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Die Nonne auf der Insel

© Sabine Gistl, www.boccalu.com: "Die Gedanken sind frei". Mit herzlichem Dank für die Genehmigung
© Sabine Gistl, www.boccalu.com: "Die Gedanken sind frei". Mit herzlichem Dank für die Genehmigung

Für eine besondere Schwester mit großem Herzen in Dankbarkeit für viele berührende Gespräche.

Sie war Mitte vierzig, als sie das erste Mal in einer katholischen Zeitung von dem Frauenkloster inmitten eines bayerischen Sees las. Damals befand sich Ruth in einer schweren Lebenskrise. Die Ehe zerbrochen, die Affäre mit dem Priester – Auslöser der Scheidung – ebenfalls gescheitert. Mit dem Priester hatte sie den Halt in ihrer Gemeinde verloren, den Halt in sich sowieso. Der Geliebte in der Psychiatrie und keine Aussicht auf Besserung.

 

Wie ein Rettungsanker erschien ihr diese kleine Anzeige in der katholischen Zeitschrift. Kurz entschlossen entschied sie sich zu einem Aufenthalt und unternahm eine Reise, die sie durch ganz Deutschland führte und sie – gefühlt – bis ans Ende der Welt brachte. Als sie auf der Fähre das Kloster langsam näher rücken sah, da endlich lüftete sich der Schleier über ihrem Herzen. Und als sie die Insel betrat, fühlte sie sich ihrem Herrn, Jesus Christus, näher denn je. Der See erschien ihr wie der See Genezareth, das Kloster wie ihr Zuhause. Statt der geplanten einen Woche blieb sie kurz entschlossen drei Wochen und fühlte sich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder richtig wohl. Ganz bei sich. In Frieden. Die Rückkehr nach Hamburg wurde umso schwieriger. Zurück im gewohnten Alltag verzehrte sie die Sehnsucht nach der Oase der Ruhe so sehr, dass sie nur wenige Monate später abermals für einen Monat auf die Insel reiste. Dieses Mal verweilte sie jedoch schon nicht mehr im Gästehaus, denn sie durfte bereits in der Klausur der Gemeinschaft wohnen. Sie führte lange Gespräche mit der Äbtissin und war vollkommen aufgelöst, als sie nach einem Monat wieder auf der Fähre in Richtung Festland fuhr. Da wusste sie bereits tief in ihrem Herzen, dass sie in die Gemeinschaft eintreten wollte.

 

Zurück im Norden führte sie lange Gespräche mit ihren Kindern und teilte ihnen mit, dass die Stimme des Herrn sie in die Gemeinschaft riefe. Ihre Kinder reagierten verständnisvoll. Dafür war Ruth dankbar. Doch als sie mit ihrem Geliebten sprach, entschied sie sich doch dafür, zunächst bei ihm zu bleiben und ihm beizustehen. Er hatte – endlich zurück aus der Psychiatrie und wieder in der Gemeinde – mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. An seiner Seite setzte sie sich für die Integration der Flüchtlinge in die Gemeinde ein – die Mission ihres Priesters. Und somit auch ihre. Nochmals gab sie sechs Monate lang alles, was sie irgendwie geben konnte, um den Priester zu stärken und die zerstrittene Gemeinde zu befrieden. Dann musste sie erkennen, dass ihre Hingabe zur Selbstaufgabe geführt hatte. Erneut holten den Priester schwere Depressionen ein. Ein Rückschlag. Sie konnte lieben, so viel sie wollte, unterstützen so viel sie vermochte. Es war vergebens. Tief getroffen fuhr Ruth ein drittes Mal auf die Insel. Dieses Mal jedoch nicht nur zur Erholung, sondern auf Probe. Dies war mit der Äbtissin so vereinbart. Auf Probe für den Eintritt in den Orden der Benediktinerinnen.

 

Sobald Ruth die Insel erreichte, empfand sie wieder die bekannte große Freude in ihrem Herzen. Sie spürte, wie wohl ihr der strenge Rhythmus des Klosterlebens tat. Das frühe Aufstehen, das Beten und Singen, die Arbeit und die Ruhezeiten, die sie am liebsten bei einem Spaziergang über die kleine Insel verbrachte. Sie fügte sich leicht in die Gemeinschaft ein, auch wenn sie durchaus Differenzen und Meinungsverschiedenheiten unter den Schwestern wahrnehmen konnte. Auch hier war nicht alles eitler Sonnenschein. Trotzdem war dieser Ort gut für sie. Ruth hatte das Gefühl, mit klarem Blick auf ihr Leben zu sehen und als sie nach der Probezeit zurück nach Hamburg fuhr, wusste sie, dass sie in den Orden eintreten würde.

 

Sie teilte ihren Kindern die Entscheidung mit, besuchte den Priester in der Klinik und beendete die glücklose Liebesgeschichte. Sie würde dem Ruf des Herrn folgen und in den Benediktinerinnen-Orden auf der Insel eintreten. Gerührt nahm der Priester Abschied und war dankbar, dass er von nun an keiner Versuchung mehr zu widerstehen brauchte. Ruth hatte die Entscheidung über sie beide getroffen. Für ihren Herrn. Und das war gut so. Ihr Ex-Mann konnte nicht glauben, dass Ruth nach der Scheidung tatsächlich in ein Kloster eintreten wollte. Er bezweifelte, dass es überhaupt möglich sei, als Mutter von zwei Kindern und geschiedene Ehefrau einem Orden beizutreten. „Und wie das möglich ist,“ erwiderte die entschiedene Ruth. Sie spürte den Schwung und den Zauber, der diese Entscheidung mit sich brachte. Sie hatte ihr Leben in die Hand genommen und in Bahnen gelenkt, die ihr nun aus ganzem Herzen entsprachen. Sie freute sich ungemein auf den magischen Ort, die Nähe zu Jesus, die sie dort immer spürte und auf das Leben in der Gemeinschaft der Frauen. Sie organisierte eine große Abschiedsfeier – „Aufbruch in mein neues Leben“ – und genoss die Anwesenheit aller wichtigen und weniger wichtigen Menschen in ihrem Leben. Sie dankte allen für die schöne gemeinsame Zeit. Voller Lebensfreude und Zuversicht, erfüllt von Glauben und Vertrauen, behielten sie die Zurückgebliebenen in Erinnerung.

Und das Glück auf der Insel hielt durchaus lange an. Die Äbtissin betraute sie bald mit der Leitung des Gästehauses. Für Ruth ein Geschenk, denn so war sie immer noch eng verknüpft mit der Außenwelt und konnte ihre Liebe zur zwischenmenschlichen Kommunikation ausleben. Für die Gäste war sie Hauptansprechpartnerin und gernte teilte sie mit ihnen ihre Begeisterung über das Leben im Kloster und auf der Insel. Schnell vergingen die zwei Jahre als Novizin, es folgte die zeitliche Profess. Aus Ruth wurde Schwester Magdalena. Auch diese drei Jahre verflogen mit Gebeten, Arbeit und Besuchen ihrer Kinder. Schwester Magdalena wurde zum ersten Mal Oma. Ihren Stolz darüber, die erste Schwester mit einem Enkel in der Gemeinschaft zu sein, brachten zahlreiche Fotos in ihrem Büro zum Ausdruck. Es folgte die Ewige Profess. Nun war sie Nonne auf Lebenszeit. Benediktinerin. Sie folgte den Regeln des Ordens – Ora et labora – Gebet und Arbeit, die sie in ein zufriedenes Leben führten. Sie war dem Herrn sehr dankbar für die Ruhe und Ausgeglichenheit, die sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatte. Und merkte erst nach und nach, dass sie Schwierigkeiten mit so manchen Namen, Begriffen, Daten und Terminen hatte. Dabei entging einigen aufmerksamen Mitschwestern und Gästen diese neue Vergesslichkeit nicht. Der klugen Äbtissin blieb dies erst recht nicht verborgen – auch als Schwester Magdalena noch immer nicht wahrhaben wollte, was mit ihr geschah. Und es war auch die Äbtissin, die dieses Thema eines Tages direkt ansprach und Schwester Magdalena zur Untersuchung schickte. Alzheimer. Mit Mitte fünfzig. Mit dieser Diagnose nahm das Unheil seinen Lauf.

 

Das Schicksal war unabänderlich. Unwiederbringlich. Das Ende allen Lebens, wie sie es für sich gewählt hatte. Die geliebte Arbeit im Gästehaus. Der Kontakt und die Gespräche mit den Klostergästen, die den Rückzug der Insel suchten, gaben ihrem Leben Inhalt und Sinn. Gerade war sie zum zweiten Mal Großmutter geworden. Das alles sollte sie vergessen? Kurz nach der unbarmherzigen Diagnose wurde sie auf eine Kur für Betroffene geschickt – es wurde zu einer intensiven Erfahrung, die sie mit ihrem Schicksal hadern, kämpfen und letztlich Waffenstillstand schließen ließ. Sie fand heraus, dass lediglich das Wissen um die Krankheit ihr solche Schmerzen hinzufügte – die Krankheit an sich umhüllte sie sanft und schleichend. Sie selbst würde kaum darunter leiden. Es war mehr die Angst davor, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren und die Angst vor dem Verlust liebgewonnener Erinnerungen, die sie so schmerzte. „Fürchtet Euch nicht,“ sagt der Engel in der Weihnachtsnacht zu den Hirten auf dem Felde. Daran dachte sie immer wieder. „Mein Gott ist ein Gott der Liebe. Nicht der Angst,“ wiederholte sie gebetsartig vor sich hin. „Fürchte dich nicht.“ Schwester Magdalena rang um Frieden mit dem ihr auferlegten Schicksal.

 

Doch sobald sie aus der Kur zurück kam, entfernte die Äbtissin sie aus der geliebten Tätigkeit – zu sehr war die Klosterchefin Geschäftsfrau. Diese verantwortungsvolle Tätigkeit könne man keine an Alzheimer erkrankte Schwester übernehmen lassen. Auch nicht aus Mitleid. Der Kontakt mit den Gästen – schließlich Kunden des Klosters – musste professionell ablaufen. Streng teilte sie Schwester Magdalena in den Küchendienst ein. Von nun an habe sie sich um das Geschirr Besteck zu kümmern: Dieses müsse zu jedem Essen ausgeteilt, anschließend abgeräumt und nach dem Spülen wieder aufgeräumt werden. Das sei nun ihre neue Aufgabe. Schwester Magdalena war verzweifelt. Diese stupide Arbeit würde ihre Diagnose doch noch verschlimmern! Es gab allerdings keinen Ausweg. Die Äbtissin war unerbittlich. Die kluge Frau hatte immer die Gemeinschaft im Blick. Aus diesem Grund hatte sie die Ordensgemeinschaft zur Chefin gewählt. Die Gemeinschaft war wirtschaftlich vollkommen unabhängig. Rom hatte hier nichts zu melden. Und wie jedes andere Wirtschaftsunternehmen musste das Kloster gute Zahlen schreiben. Es ging um das Wohl aller und dieses durfte nicht durch eine an Alzheimer erkrankte Gästefrau gefährdet werden. Schwester Magdalena rief ihren Gott um Hilfe, flehte ihn an und teilte ihre Verzweiflung mit ihm. Doch Gott schien sie plötzlich taub zu sein. Sie nicht zu hören. Nichts veränderte er an ihrem Schicksal. Stattdessen musste sie erkennen, dass sie keine andere Wahl hatte, als ihr Leben und die Entscheidungen anzunehmen. So fügte sich Schwester Magdalena schlussendlich. Und gab alle Hoffnung auf, ihrem unbarmherzigen Schicksal doch noch zu entkommen. Statt mit den Gästen würde sie nun mit dem Besteck reden, das leise Klappern der Teller würde ihre Lebensgeschichte begleiten und den langsamen Zerfall ihrer Erinnerungen beobachten.

 

Wie lange würde sie wohl noch mit dieser Krankheit leben müssen? Würde sie zwanzig, vielleicht sogar dreißig Jahre vor sich hin vegetieren – ohne Verstand und ohne noch sie selbst zu sein? Oder hätte ihr Gott schneller Erbarmen? Würde sie sanftmütig bleiben oder böse werden wie so manche alten, dementen Personen? Würde sie tagein tagaus Besteck und Geschirr auflegen oder bald schon bettlägerig sein? Würde sie weiterhin mit ihren Schwestern die Stundengebete abhalten und den geliebten Tagesrhythmus beibehalten können? Oder würde sie der Verfall ihres Geistes bald schon auch davon abhalten? All das waren Sorgen, die sie nicht lösen konnte. All das waren die Aufgaben ihres Herrn. Ihre Zukunft. Nicht jedoch ihre Gegenwart. Sie konnte nur versuchen, ihrem Gott mit Liebe zu folgen und ihn darum bitten, dass sie in der Liebe verbleiben möge. Und auch das entzog sich ihren Möglichkeiten. Alles Leben schien auf einmal nur noch ein großzügiges Geschenk, das sich all ihren Gestaltungsmöglichkeiten entzog. Ein allumfassender Kontrollverlust.

 

Ein großer Trost war ihr bei all dem dennoch, dass sie auf immer in der Gemeinschaft bleiben konnte, auch dann noch, wenn sie der Verstand vollkommen verließe. Das Wissen darum stimmte sie dankbar. Niemals würde man sie in ein Pflegeheim verlegen. Ihre Mitschwestern würden sie so lange versorgen und pflegen, bis sie der Herr zu sich holen würde. Hier auf der Insel, auf dem Friedhof der Schwestern, würde ihr Körper seine letzte Ruhe finden.

 

Die Krankheit von Schwester Magdalena schritt rasant fort. Bald schon konnte sie sich kaum mehr daran erinnern, wie sie auf die Insel gelangt war. Und sie wusste auch nicht mehr, wie lange sie hier lebte. Waren es Monate, Jahre oder Jahrzehnte? Woher war sie gekommen? Manchmal zermarterten diese Fragen ihr Gehirn, meistens jedoch spielte das alles keine Rolle mehr. Hier war ihr Zuhause. Hier fühlte sie sich wohl. Das war alles. Immer öfter vergaß sie, dass sie Kinder und Enkel hatte. Sie vergaß Worte und sie vergaß ihre eigene bewegte Lebensgeschichte.  Irgendwann sah man sie kaum noch auf der geliebten Insel spazieren gehen. Sie fand nicht mehr zurück. Die Uhrzeiten und Stundengebete vermengten sich in ihrem Kopf zu einem einzigen Brei. Sie glitt durch die Tage, alles vermischte sich ohne besondere Bedeutung. Nichts spielte mehr eine Rolle. Schwester Magdalena ging es dabei meistens gut – sie merkte nichts mehr von ihrem Verfall. Eines Tages durfte sie nicht mehr alleine hinaus. Die Sorge und Pflege der Krankenschwester um ihre Sicherheit wurden für sie zur Überwachung. Die Krankheit wurde zu ihrem Gefängnis. In diesem Gefängnis, das irgendwann wieder aufhörte Gefängnis zu sein, musste Schwester Magdalena noch einige Jahre leben. Bis sich alles auflöste. Ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Sein. Und irgendwann auch ihr Körper.

 

Heute ruht Schwester Magdalena auf dem Friedhof der Schwestern. Und lebt noch weiter in der Erinnerung zahlreicher Menschen, die sie durch ihre Wahrhaftigkeit berührt hat.

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Kommentare: 2
  • #1

    Liliana Perez Elze (Samstag, 16 Mai 2020 13:58)

    Sehr schön geschrieben, berührend, Gratulation querida Deike, me gustó mucho...

  • #2

    Ann-Katrin (Dienstag, 19 Mai 2020 16:00)

    Ein guter, interessanter Text. Einfach zu lesen durch griffige und kurze Sätze. Danke, Deike!